Grußwort des Dekans

Ein Grußwort unseres Dekans Prof. Benndorf:

„Liebe Kommilitoninnen und Kommilitonen,

ab jetzt können Sie sich so nennen. Sie sind somit nunmehr Studiengenossen und Sie studieren an unserer Alma mater. Alma mater bedeutet Universität, eigentlich nährende Mutter. Wir wollen Sie an unserer Universität mit Wissen und Bildung nähren.
Sie sind ausgezogen, um an unserer Friedrich-Schiller-Universität Medizin bzw. Zahnmedizin zu studieren. Das ist ein großer Schritt in Ihrem Leben. „Ausziehen“ hat dabei zwei Aspekte: Zum einen sind Sie von zu Hause weggezogen, und Sie haben somit das Vertraute Ihrer Kindheit und Jugend hinter sich gelassen. Zum anderen sind Sie hinausgezogen, um für sich eine neue Welt zu erschließen. Was ist das für eine neue Welt in Jena an unserer Friedrich-Schiller-Universität?
Vieles wird jetzt anders sein als in Ihrer Schulzeit. Statt Unterrichtsstunden belegen Sie Vorlesungen, Seminare, Praktika, oder Sie absolvieren so bizarre Dinge wie Tutorials oder problemorientiertes Lernen. Sie werden mit 300 Kommilitonen im Hörsaal anstatt mit 20 Mitschülern im Klassenraum sitzen. Sie werden aufs Äußerste gespannt sein auf die ersten Erlebnisse und Ereignisse im Präpariersaal der Anatomie. Viele von Ihnen werden sicherlich überrascht sein, dass Sie zunächst einmal eine gründliche naturwissenschaftliche Ausbildung bis zur ersten ärztlichen Prüfung erhalten werden, was Ihnen eine Menge abverlangen wird. Sie werden so vertraute, und vielleicht nicht immer beliebte und deshalb in der Schule abgewählte, Fächer haben wie Physik, Chemie und Biologie, dann aber auch neue Fächer wie die Biochemie, Physiologie und Psychologie sowie die Anatomie des menschlichen Körpers. Füllhörner der Information werden sich über Sie ergießen zu Fragen wie das menschliche Leben funktioniert. Und sie werden ganz selbstverständlich mit der Frage in Berührung kommen, was Leben eigentlich ist. Erst nach zwei Jahren werden Sie sich mit Krankheiten beschäftigen und die Heilkunst erlernen.
Neu wird auch sein, dass Sie nicht von ausgebildeten Pädagogen, sondern von Wissenschaftlern unterrichtet werden, die auf medizinischem Gebiet forschen. Sie werden so selbst an die medizinischen Wissenschaften herangeführt. Und es wird nicht allzu lange dauern, bis die ersten unter Ihnen den Wunsch verspüren, selbst wissenschaftlich zu arbeiten und eine Doktorarbeit anzufertigen. Das alles wird Sie in einem Maße fordern und herausfordern, wie Sie es vielleicht jetzt nicht für möglich halten.

Meine Damen und Herren!
Sie haben in Jena das Privileg des Studiums an einer sehr alten und ehrwürdigen Universität. Im nächsten Jahr begehen wir das 450-jährige Gründungsjubiläum. Die „Salana“ wurde in der Folge der Reformation als reformierte Universität gegründet. Zunächst wurde im Jahre 1548 hier auf diesem Gelände, auf dem Sie sich gerade befinden, die Hohe Medizinische Schule gegründet, die dann im Jahre 1558, also zehn Jahre später, von Kaiser Ferdinand dem I. als Universität anerkannt wurde.
Zahlreiche große Persönlichkeiten haben hier gelehrt und geforscht. Stellvertretend seien genannt Johann Gottlieb Fichte, der radikal systematische Denker und Vertreter des deutschen Idealismus des beginnenden 19. Jahrhunderts, Friedrich Schiller, dessen Namen die Universität heute trägt, und der alles überragende Johann Wolfgang von Goethe aus Weimar. Er war nicht nur ein genialer Dichter, sondern hatte vielfältige naturwissenschaftliche Interessen. Unter anderem weilte er oft in genau dem Anatomischen Institut, in das Sie ab nun regelmäßig gehen werden, um mit dem berühmten Anatomen Loder intensiven Kontakt zu pflegen.

Meine Damen und Herren!
Indem Sie heute ein Studium in Jena aufnehmen, haben Sie ein weiteres Privileg: Sie können Ihr Studium in Frieden und Freiheit aufnehmen. Das ist ein wirklich hohes Gut. Noch das vergangene Jahrhundert hat auch der Friedrich-Schiller-Universität zwei Diktaturen und zwei große Kriege beschert, mit schlimmen und einschneidenden Folgen. Die Bedingungen an unserer Universität für ein Studium sind heute sicher so gut wie noch nie, trotz des immer wieder beklagten Mangels an Geld. Nutzen Sie diese guten Bedingungen für sich! Universität bedeutet breite Bildung. Sie studieren an einer Volluniversität, einer Universitas litterarum. Schauen Sie auch mal über den Tellerrand Ihres Medizinstudiums hinaus!

Und dann möchte ich noch etwas anderes erwähnen. Jena ist bekannt für ein großartiges Studentenleben, das vielfach besungen wurde: „Ja in Jene lebt sich´s bene“. Genießen Sie die Zeit! Retrospektiv wird diese Zeit für viele von Ihnen sicher die beste und ungezwungenste Zeit des Lebens sein.

Ich wünsche Ihnen im Namen der Fakultät alles erdenklich Gute, Spaß am Studieren mit allem was dazu gehört, Lust auf die medizinischen Wissenschaften und auch Freude am studentischen Leben.

Ich möchte meine Grußworte mit einigen Zeilen aus dem „Schatzgräber“, einem Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe, beenden, die als Motto für die nächsten Jahre taugen können.

„Tages Arbeit
Abends Gäste
Saure Wochen
Frohe Feste
sei dein künftig
Zauberwort.“

Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit.“

Begrüßungsrede für die neuen Studienanfänger von Prof. Klaus Benndorf, Dekan der Medizinischen Fakultät und Wissendschaftlicher Vorstand des Uniklinikums Jena. Gehalten im Oktober 2007.